…und ich habe gute Neuigkeiten. Die Deutschen wissen noch, wie Lesen geht. Okay, hier und dort müssten wir etwas an ihrem Geschmack feilen, aber es besteht Hoffnung. Woher ich das weiß?
Weil ich mir dieses Jahr das Abenteuer Buchmesse gegeben habe. Endlich. Drüber nachgedacht hatte man oft, aber in der Praxis wurde bis dato nie was draus. Klar war, dass man für die Messe mit einem Tag nicht hinkommen würde. Allein die Anfahrt dauert ja schon gute 3 Stunden. In Frankfurt angekommen gestaltet sich die Exkursion jedoch wesentlich einfacher als erwartet. Alle Achtung: Die Frankfurter haben ihre Buchmesse im Griff. Kein Wunder. Sie machen das schon seit mehr als 500 Jahren. Die erste Bücherparty schmiss man, nachdem Johannes Gutenberg ein paar Kilometer weiter in Mainz den Buchdruck in die Zukunft katapultiert hatte. Nur mit den Parkplätzen dürfte das damals alles noch etwas einfacher gewesen sein. Apropos: Man sollte sich nicht einbilden, dass man mit dem Auto direkt vorfährt. In Frankfurt steuert man dazu besser das Rebstockgelände an und fährt dann mit dem Pendelbus gratis zu den rund 2 Kilometer entfernten Messehallen. Na ja, nicht ganz gratis. Die Tageskarte im Parkhaus – und es gibt nur Tageskarten – kostet stattliche 9 Euro, die man natürlich gern zu zahlen bereit ist, wenn man gleich sowieso noch 20 Euro pro Person drauflegen wird, um das Wochenende in den heiligen Hallen der Buchmesse zu verbringen. Aber wer lange Warteschlangen befürchtet so wie ich – wenn die Wartezeit jenseits der 20 Minuten Grenze liegt, würde ich auch nach dreistündiger Anfahrt auf der Stelle kehrt machen, Django wartet nicht und Küper auch nicht – stellt erleichtert fest, dass der Zugang zur Messe auch jetzt völlig problemlos verläuft. Schnell die Karte gelöst, kurz die Taschenkontrolle über sich ergehen lassen und schon ist man mitten drin im Happening. Zu dumm nur, erkennt man dann, dass man heute nicht die Arbeitsschuhe mit den Stahlkappen angezogen hat. Denn der gemeine Bücherwurm schaut nicht, wo er hintrampelt, wenn er vor lauter Büchern die Menschenmasse um sich herum gar nicht mehr wahrnimmt. Auch Kulturpublikum rempelt, schubst und schiebt wie der gewöhnliche Pöbel.
Okay, kein Zweifel, es gibt noch viele von denen, die Bücher mögen, auch im Zeitalter des multimedialen Webs, der Avatarchats, der MMORPGs. Und trotzdem ist nicht zu übersehen, dass es nicht nur die klassischen Buchkonsumenten sind, die heute auflaufen. Grell geschminkte Girlies auf 20 Zentimeter hohen Plateausohlen mit Katzenöhrchen, die aus langen lilafarbenen Perücken ragen, bahnen sich ihren Weg durch die Menge. Niemand schenkt ihnen besonders viel Beachtung, denn es sind hunderte von ihnen unterwegs. Cosplayer wimmeln vor Manga und Comicständen und machen unmissverständlich klar: Das Publikum hat sich verändert. Mittlerweile koexistieren Buch und Comic nebeneinander, sind keine Konkurrenten mehr, sondern werden vom selben Publikum konsumiert. Zumindest ist das in meiner Lesegeneration so. Ob die anwesenden Cosplayer auch unbemalte Seiten lesen, wage ich nicht zu beurteilen. Irgendwie habe ich ein Problem damit, wenn ein etwa 18jähriger mit Strohhut und Badelatschen noch nicht den Übergang vom strohdoofen „One Piece“ zum brillanten „Ghost in the Shell“ geschafft hat. Ich habe so meine Zweifel, ob wir den noch in Richtung 800 Seiten Thriller bewegen können. Trotzdem ist es extrem spaßig, sich am Treffpunkt der Kostümfreaks umzusehen. Dort stoße ich auch auf ein echtes Highlight. Simpson Zeichner Phil Ortiz simpsonized Messebesucher. Und das natürlich live. Für 20 Euro kann man sich selbst zum Simpson machen lassen. Eine Versuchung, der ich kaum widerstehen könnte, wäre die Warteschlange nicht schon jetzt viel zu lang. Immerhin kann ich Ortiz dabei knippsen, wie er eine hübsche junge Dame in einen bildhübschen Homo Simpsonize verwandelt. Einige Meter weiter beansprucht ein riesiger Rauschgoldengel mit wallendem blonden Haar und Flügeln im Dinosaurierformat gute 12 Quadratmeter für sich allein. Was von der Rückseite vielversprechend aussieht, entpuppt sich von vorne als Kerl. Glücklicherweise ist das nicht bei allen weiblichen Gestalten so…
Ein Konzept für den Besuch der Buchmesse haben wir nicht. Vorher gab es keine Recherche und so haben wir auch keinen Zeitplan. Lesungen und Interviews finden sowieso an jeder Ecke statt. Hier plaudert Maffay über ein Stones Konzert, dort hört man Armin Rhode, der wohl sein Buch vorstellt. Wer solche Programmpunkte einplanen will, braucht mindestens 2 mal 10 Stunden, um alles abzuarbeiten. Stattdessen lasse ich mich ziellos mal mit mal gegen den Strom treiben. Wem das Chaos in den Hallen unten zuviel wird, für den bietet sich die Antiquariatsausstellung als Fluchtpunkt an. Auch wer sich nicht für alte Bücher begeistern kann, findet hier einen Platz, um in Ruhe einen Kaffee zu trinken und den Kreislauf wieder in Schwung zu bringen. Ein Blick auf die alten Schätzchen lohnt aber auch. Die Exponate sind übrigens so exorbitant teuer, dass man schon vorher freundlich darauf hingewiesen wird, dass die Taschen beim Verlassen kontrolliert werden.
Auf derselben Etage stoße ich auf den Stand eines kleinen Verlages, der nur ein Buch präsentiert. Anscheinend ein Science Fiction Roman. Schwarzes, ansprechend designtes Cover mit einem Klappentext, der vielversprechend klingt. Um eine von Computern eingeleitete Apokalypse soll es gehen. Ich frage einen Mann mit dem Buchcover auf seinem schwarzen T-Shirt, ob es sich um Cyberpunk handelt. Er macht eine abwehrende Geste und erklärt mir weitschweifig, welche Bedeutung Computer heute haben und dass es in ihrem Buch darum ginge, wie das zu einer Katastrophe führen könnte. Dabei vermeidet er den Begriff Science Fiction – vielleicht meint er auf diese Etage verlaufen sich nur Intellektuelle und die will er nicht erschrecken - und liefert mir einen Handlungsüberblick, der mir sehr bekannt vorkommt. Ich denke kurz darüber nach, ihm zu erzählen, dass es den Film „Terminator“ bereits gibt, lasse es aber. Kann ja sein, dass sich der Autor bemüht hat, eine ähnliche Geschichte auf höherem Niveau zu erzählen. Ob ich von einem Verlag sei, will der Mann in Schwarz schließlich wissen. Ich bilde mir ein, dass er einen Schritt zurück macht, als ich erkläre ich sei Blogger.
Insbesondere bei den kleinen Verlagen kann man mit Machern ins Gespräch kommen. Die Menge der Aussteller ist schlicht überwältigend. Und es stimmt, was eine Autorin am Morgen in einem Fernsehinterview sagt: die an den kleinen Ständen sehen aus wie Tiere in Käfigen die neugierig bestaunt werden. Sie alle sind da: politische Verlage, esoterische, erotische, magische, Überzeugungstäter, Pfadfinder, seltsame Kinderbuchautoren, Egomanen und Desorientierte. Hier und dort kann man wider Erwarten auch Bücher kaufen und manche transportieren wirklich säckeweise Material nach draußen. Kann man tun, muss man aber nicht.
Irgendwann gewinnt dann doch Müdigkeit und Faulheit. Erst recht nach 2 Tagen auf der Messe und mit der dreistündigen Rückfahrt noch vor sich. Gelohnt hat sich die Messe auf jeden Fall. Trotzdem schlendere ich persönlich lieber ganz in Ruhe durch eine Buchhandlung.
Ach ja, bevor ich es vergesse: Ganz sensationell sind übrigens die Buchmesse Muffins. Ich würde so weit gehen zu behaupten, schon sie allein sind die Anfahrt wert. Okay, vielleicht nicht ganz…













