Große Lust dazu hatte ich nicht. Aber auch ich habe heute versucht, Demokratie zu praktizieren. Zumindest soweit das angesichts der Optionen möglich ist. Mir missfiel die Vorstellung zu sehr, durch meine Nichtteilnahme denen in die Hände zu spielen, die für die Misere verantwortlich sind oder denen, die noch mehr Schaden anrichten würden, wenn man ihnen die Gelegenheit dazu gibt. Ob ich politikverdrossen bin? Nein, meine geringe Motivation, Kreuzchen zu machen, ist nicht die Folge von Politikverdrossenheit. Ganz im Gegenteil: Politik interessiert mich umso mehr, je älter ich werde – und sie macht mich stinksauer.
Seien wir doch mal ehrlich und sprechen es aus, wie es ist: Man erwartet von uns nicht, zu wählen, um unser aller Leben zu verbessern. In Wahrheit geht es hier nur um die Zukunft einiger Auserwählter. Kandidaten, die sich von mir erhoffen, dass ich ihnen zu einem äußerst bequemen Stühlchen verhelfe, in dem sie sich, einmal oben angekommen, für den Rest ihres Lebens keine großen Sorgen mehr um existenzielle Probleme machen müssen. Das mag erklären, warum Politiker spätestens in dem Moment, in dem sie gewählt werden, stets sofort vergessen, wie das Leben in den Niederungen des Normallebens draußen vor dem Rathaus oder Regierungsgebäude aussieht. Schaue ich auf den Stimmzettel, dann sehe ich dort nichts anderes als eine Liste von Anwärtern für ein Rundum-Sorglos-bis-zur-Rente-Paket, die mir alle das Blaue vom Himmel versprechen, um sich selbst und einen Rattenschwanz von Opportunisten in den frühzeitigen Ruhestand mit gelegentlichen Abstimmungen – meistens genutzt zum Einkleben von Fußballbildchen - zurückzuziehen.
Nein, echte Optionen konnte ich auf meinem Stimmzettel nicht ausmachen. Was bleibt, ist allein die Möglichkeit, Schadensbegrenzung zu betreiben. Genau das sagte ich auch den schmunzelnden Damen hinter der Urne. „Dreimal das kleinste Übel bitte.“ Immerhin konnte ich so dazu beitragen, dass Politwirrköpfe mit Hang zu braunen Uniformen, Landschaftsmalerei und Autobahnbau keinen Unfug anstellen können. Das ist allerdings auch die einzige Genugtuung, die ich angesichts des Wahlergebnisses verspüre. Ansonsten bleibt alles genauso, wie es sowieso schon war.
Ich leg mich wieder hin…