Es war ein Unfall, wirklich. Ich wollte es nicht, es ist einfach passiert. Okay, gut, ich habe „Twilight“ gesehen. Bin ja selber schuld, schließlich wusste ich, was da auf mich zukommen würde. Ein Vampirfilm in den Abermillionen vornehmlich weibliche Teenager rennen, was kann das schon sein? Genau, eine Schnulze. So was wie High School Musical ohne tanzen, ohne singen, aber mit Untoten. Oder sagen wir es mal so: Die Romanvorlage von „twilight“ ist ein guter Grund, Amateurschriftstellern endgültig den Zugang zu Schreibkursen zu verbieten. Nein, mit Ideenreichtum glänzt Autorin Stephenie Meyer nun wirklich nicht:
Schülerin trifft geheimnisvollen Jungen, geheimnisvoller Junge rettet Schülerin das Leben, Schülerin verliebt sich endgültig, muss aber einsehen, dass ihr Schwarm ein furchtbares Geheimnis hat. Klar, hat jeder sofort gemerkt. Blass, Knoblauchallergie, hochentwickelte Sinne, glotzt ihr statt in die Bluse immer auf die Halsschlagader: Vampir. Selbst der Dorftrottel hätte das längst begriffen, nur unsere Hauptdarstellerin tappt 30 Minuten im Halbdunkel, bevor ihr dämmert, von wem sie sich da gern ein paar Knutschflecken verpassen lassen würde. Aber Edward, so der Name des ständig so geheimnisvoll und melancholisch dreinschauenden jungen Mannes – vielleicht versucht er sich auch nur an seinen Text zu erinnern- , ist nicht allein. James Dean in untot wohnt nämlich noch bei seinen Eltern. Herr Nosferatu und Frau Nosferatu haben es sich mitsamt bissigen Sprösslingen im Wald in einer noblen Villa bequem gemacht. Und wie es sich für eine echte Teenie-Romanze gehört, steht schon bald der erste Besuch bei Eddies Eltern an. Nun könnte der Terror seinen Lauf nehmen. Das allerdings wollte man dem vornehmlich weiblichen Publikum zwischen 12 und 17 ersparen und wir betreten einen komplett sargfreien Spießerhaushalt, in dem eine WG verweichlichter Ex-Blutsauger ein veganes Leben führt. Längst beißt man nicht mehr in Hälse, sondern gibt sich weltoffen, tolerant und kocht italienisch. Ich persönlich starre entsetzt nach 45 ereignislosen Filmminuten auf die Leinwand und stelle fest, dass selbst eine Bravo-Foto-Love Story aus den wildern 80ern mehr Dynamik entwickelt hätte. Weitere 15 schläfrige, aber hochromantische Minuten später fällt den Filmmachern ein, dass sie vielleicht doch noch einen Bösewicht brauchen könnten. Ich persönlich hätte ja gern Herrn Geiermeier, der diesen ganzen beißunwilligen Clan inklusive klein Rüdiger…äh Edgar, stilvoll ins Jenseits pfählt. Stattdessen trifft der freundliche Vampirclan ausgerechnet beim Familienbaseball – Familienbaseball???? Vampire????????????? – auf Nosferatus, die ihren Job noch ernst nehmen und die alten Traditionen hochhalten. Wie es sich gehört, wollen sie Eddies nicht vampirisierte Freundin vernaschen, was der edle Veganerclan natürlich nicht zulassen kann. Und so beißt der einzige Vampir, den man in diesem seichten Filmchen überhaupt noch also solchen Ernst nehmen könnte rasch statt in einen Hals ins Gras.
Ob es Action gab? Nicht, dass ich wüsste. Alles bleibt schön kindgerecht und romantisch, ohne Biss und hochanämisch. Nein, „Twilight“, das ist nun wirklich kein schöner Anblick für den echten Vampirfan, mehr ein Tiefpunkt des Genres und ein weiteres Beispiel dafür wie seichte Teenie-Unterhaltung auf dem Nivea der High School Musicals über die Leinwand schwappt.
Nein, aus dem Vampirmythos lässt sich durchaus was machen. Seine Modernisierung hatte das Vampirgenre sogar schon Ende der 80er erfahren. Zum Beispiel 1987 mit Joel Schumachers „Lost Boys“ über eine Vampirmotorradgang mit Kiefer Sutherland als diabolischem Anführer, und mit Kathryn Bigelows „Near Dark“ aus demselben Jahr. Wahre Highlights sind natürlich nach wie vor „Interview mit einem Vampir“, die Blade Trilogie und ebenfalls die „Underworld“ Trilogie. Für Twilight finde ich in dieser Ruhmeshalle leider keinen Platz. Aber Sonntagsnachmittags würde er sich ganz gut im Kinderprogramm machen, obwohl man wohl zugeben muss, dass da sogar „Der kleine Vampir“ spannender war.