Ja, sie haben mich tatsächlich rein gelassen. Anscheinend hatten sich die Damen und Herren von der Sicherheit doch nicht so genau informiert, wer da Einlass begehrte und so durfte ich am

Donnerstag an einer Besichtigung des Reichstagsgebäudes teilnehmen.
Dabei hatte ich noch Glück, denn dank Termin blieb es mir erspart, mich in die lange Warteschlange vor dem Regierungssitz einreihen zu müssen. Wer sich ganz spontan zu einem Besuch entscheidet, darf sich schon einmal auf eine Wartezeit einrichten, wie sie früher vor Geschäften in der DDR üblich war, wenn es mal was „Besonderes“ gab.
Doch Geduld ist nicht das einzige, was dem Bürger abverlangt wird. Auch Toleranz sollte er mitbringen. Freundlichkeit wird zumindest im Eingangsbereich des Reichstagesgebäudes auch nach der Rechtschreibreform klein geschrieben. Aggressive Schilder weisen den Besucher daraufhin, wie er sich zu verhalten hat. Übersieht jemand einen der Warnhinweise, beispielsweise dass Personen nur einzeln durch die Schleuse treten dürfen, wird er angeblafft. Insgesamt führen sich die Sicherheitsmitarbeiter auf, wie man es von besonders schikanösen Grenzebeamten bei der Einreise in die frühere DDR erwartet hätte. Aber auch auf dem weiteren Weg nach oben in die erste Etage vermisst man weitgehend das Gefühl, hier willkommen zu sein. Es hat den Anschein, dass den Fahrstuhlführern das ständige auf und nieder von Wirtschaft und Lift auf die Stimmung schlägt. Irgendwie scheint man übersehen zu haben, dass der Bürger als solcher nicht nur Gast ist, sondern das ganze Ding auch noch aus eigener Tasche mitfinanziert hat - unfreiwillig, zugegeben.
Angekommen im ersten Stock und damit im Zuschauerbereich über dem Plenarsaal, ist es immerhin erlaubt, nun zu fotografieren. Manch einer verspürt an diesem Ort wohl Ehrfurcht, ich für meinen Teil frage mich vor allem, wer die bescheuerte Farbe der Sitze angerührt hat. Kein Wunder, dass unsere Herren Politiker nach längerem Aufenthalt in den Räumlichkeiten blind werden – zumindest für echte Probleme. Ich muss schmunzeln, als eine Taube weit oben auf der Glaskuppel genau das tut, was Tauben eben so tun. Ein schönes Statement, für das ich dem Tierchen gern ein paar Körner ausgeben würde.
Der nun folgende Vortrag über den Bundestag stimmt mich versöhnlicher und ist sehr informativ. Den meisten Bürgern ist wahrscheinlich nicht klar, dass die im Bundestag geschwungenen Reden nicht wirklich für die Kollegen aus den verschiedenen Fraktionen gedacht sind. Sowohl die eigene Partei und auch die Opposition kennen die Inhalte bereits vorher. Die Vorträge richten sich ausschließlich an den Bürger, der sie im TV verfolgen kann.
Etwas verlegen lächelnd erklärt man uns, dass dieser Umstand auch der Grund dafür sein, dass viele der anwesenden Abgeordneten den Vorträgen augenscheinlich nie Aufmerksamkeit schenken. Die meisten Zuhörer wissen, dass der Bundestag nur dann beschlussfähig ist, wenn mindestens die Hälfte der Mitglieder anwesend ist. Neu ist manchem aber, dass diese Beschlussfähigkeit grundsätzlich immer angenommen wird. Nachgezählt wird nicht.
Warum eigentlich? Die meisten Arbeitnehmer würden sich sehr darüber freuen, wenn es demnächst eine neue Regelung im Arbeitsrecht gäbe, nach der ihre Anwesenheit einfach angenommen, aber nicht kontrolliert wird. Damit könnte man übrigens Wähler gewinnen, nur so als Tipp.
Direkt über dem Plenarsaal befindet sich die bekannte Aussichtskuppel. An ihr befestigt ist eine Art Kegel, der mich

persönlich an ein über den Fraktionen hängendes Damoklesschwert erinnert. Ich erfahre, dass es sich um ein raffiniertes System handelt, durch das die verbrauchte Luft direkt aus dem Gebäude geführt wird. An dieser Stelle kann ich mir ein breites Grinsen nicht verkneifen. Irgendwie war mir persönlich ja schon immer klar, dass hier nichts als warme Luft produziert wird.
Den Besuchern steht es nun frei, die Kuppel zu besichtigen, die zweifellos einen Besuch wert ist. Vor allem abends. Man sollte allerdings nicht unter Höhenangst leiden. Ich habe dieses Problem und erspare mir den Programmpunkt. Meine ganz persönliche Besichtigungstour führt mich
nur noch auf die Toiletten des Reichstages. Die sind übrigens nicht nur räumlich sehr großzügig, sondern auch so sauber, dass man sich hier ganz wie zuhause fühlt.
Aber zu irgendwas muss das ganze Ding ja auch gut sein.
Ach ja, eines noch zum Schluss. Wieso gibt es vor dem Reichstagsgebäude nicht eine einzige Würstchenbude. Da kommt man sich mit Hunger im Bauch vor, als würde man in der alten DDR nach einer Banane suchen…